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Ausgabe 04/2011

Raum und Zeit (Lehrgang in Lissabon)
Nachdem ich dieses Jahr aus beruflichen Gründen auf einen Teil meines Sommerurlaubs verzichten musste, nutzte ich die Gelegenheit meinen Resturlaub am Ende des Jahres mit einer Woche Aikido zu verbringen.
Zusammen mit Martin Glutsch und Georg Schröder vom S.V. Böblingen machte ich mich dann am Sonntag den 04. Dezember auf den Weg nach Lissabon, um die nächsten 7 Tage bei Hiroshi Ikeda Shihan zu trainieren. Ikeda-Sensei dürfte einigen, zumindest von hören sagen bekannt sein. Für Martin und mich war es der erste Lehrgang mit ihm.
Zunächst möchte ich mit ein paar Worten über den äußeren Rahmen berichten, um danach auf die Erkenntnisse einzugehen, die ich bei diesem Lehrgang gewonnen habe.
Der Lehrgang war perfekt organisiert. An dieser Stelle möchte ich ein dickes Lob an den Veranstalter AIKIDO - P ORTUGAL A.P.A.D.A und in Person Joana Duclos aussprechen. Pro Tag gab es jeweils zwei Trainingseinheiten. Morgens 2 Stunden und Abends 1,5 Stunden. Daneben hat der Veranstalter für die Teilnehmer ein beachtliches Rahmenprogramm organisiert. Am Dienstag gab es die Gelegenheit an einer Stadtführung inklusive Besichtigung der Burg teilzunehmen. Dabei wurde uns von Nuno Seabra Lopes, einem Lehrgangsteilnehmer viel über die Geschichte Portugals und Lissabons erzählt. Ungefähr 4 Stunden führte er uns durch Lissabons steinige Gassen, deren auf und ab auch den Lauf der der Geschichte von Stadt und Land sehr gut widerspiegelt. Angefangen von den Kelten über die Karthager, Römer, Araber, etc. gibt es hier in einer der ältesten Städte Europas viel zu bestaunen und zu berichten. Da das Abendtraining erst um 21:30 Uhr startete, konnten wir uns nach der doch recht anstrengenden Besichtigung zuvor noch etwas erholen.
Das nächste Event war ein 5-gängiges Abendessen mit landestypischen Speisen. Ich werde jetzt nicht die Menüfolge aufzählen. Alles war aber sehr lecker. Nach dem Essen gab es als besonderen Abschluss noch die Darbietung einer professionellen Fado-Sängerin. Sie wurde von Eurico Dionísio einem weiteren Aikidoka aus Lissabon und einem Freund auf der Fado-Gitarre begleitet. Besser und eindrucksvoller kann einem die Kultur eines Landes nicht näher gebracht werden.
Zum Abschluss des Kulturprogramms durften wir am Samstagabend noch an einem kurzen Orgelkonzert in der Klosterkirche Mosteiro dos Jerónimos mit Werken von Bach und japanischen Improvisationen teilnehmen. Dieses Konzert wurde von António Baptista, einem weiteren Teilnehmer exklusiv für die Lehrgangsteilnehmer organisiert.
Soviel zu dem wunderbaren Rahmen, den uns die Aikidokas aus Lissabon gestaltet haben. Auch das Wetter war uns wohlgesonnen. Wir hatten ein paar sonnige Tage, so dass wir trotz Winter die Gastronomie im freien genießen konnten.
So, jetzt aber zurück zum Aikido, weswegen wir ja eigentlich hergekommen sind.
Aikido ist einfach. Hat man einen schweren, kräftigen Partner, so muss man nur den Boden kippen. Auf einer schiefen Ebene verliert jeder auch noch so schwere Brocken sein Gleichgewicht.
Ist der Gegner schnell, braucht man nur die Zeit zu dehnen; und schon kann man eintreten und seine Technik ausführen ohne getroffen zu werden. So weit so einfach, aber wie soll man das bewerkstelligen, ohne gegen die strengen Gesetze der Physik zu verstoßen, und ins esoterische abzudriften?
Mit einfachen Grundübungen, in denen er bei gleichen Bewegungsmustern immer wieder andere Aspekte seiner Kunst erläuterte, versuchte uns Ikeda-Sensei aufzuzeigen, aus welchen Bausteinen sich sein Aikido zusammensetzt. An erster Stelle steht die Kontrolle des eigenen Körpers. Nur über diese ist es möglich durch kleine Positionsveränderungen zum richtigen Zeitpunkt das Gleichgewicht des Partners zu stören. Ich möchte dies an der einfachen Grundform Tai no henkō
verdeutlichen, die zu Beginn jedes Trainings praktiziert wurde. Folgende sich ergänzenden Merkmale wurden in verschiedenen Einheiten geübt:
1. Nach dem der Partner gegriffen hat, wird die Konzentration über den Ellenbogen des Partners auf dessen Schulter gelenkt, danach bewegt man den eigenen Körper in einer ganzheitlichen Bewegung, wobei der Blick dem Körper etwas vorausgeht.
2. Durch eine kleine Verschiebung des eigenen Zentrums wird das System Uke-Tori so verändert, dass Uke sein Gleichgewicht verliert.
3. Beim Üben ist darauf zu achten, dass die Verbindung des eigenen Zentrums über die verschiedenen Gelenke (Schulter, Ellenbogen, Hand) fest bleibt, so dass die Energie ungehindert fließen kann, ohne über Muskelkraft den Fluss wieder zu unterbrechen.
4. Wenn man die Veränderung der Zentrumsposition mit einer kleinen Kreis- oder Pendelbewegung vollzieht, kann man die Gleichgewichtsbrechung verstärken.
5. Dies lässt sich auch durch eine kleine Wellenbewegung im Handgelenk erreichen. Dadurch kann dann auch der Angriffspunkt leicht verändert werden.
6. Während der Bewegung muss Tori die Angriffslinie verändern, um Kontrolle über Uke zu erlangen.
7. Nach der Gleichgewichtsbrechung verschiebt Tori durch eine kleine Positionsveränderung und Mental sein Körpergewicht in den Angriffspunkt und kann somit Uke werfen.
Ziel der Übungen ist es, diese soweit zu verfeinern, dass die Positionsveränderung nur noch innerlich stattfindet und vom Partner nicht mehr wahrgenommen werden kann. Damit kann auch der Zeitpunkt schon vor den eigentlichen Angriff gelegt werden. Der Partner ist aus dem Gleichgewicht, bevor sich der Angriff entwickeln kann.
Wenn man weiter fortgeschritten ist, kann man den Partner auch führen, wenn man den Blick abgewandt hat und nur noch über die eigene Vorstellung arbeitet. Wie subtil diese Bewegungen sind, merkt man, wenn man während des Trainings von ihm korrigiert wird. Erst nachdem man, z.B. nach einem Fassangriff, plötzlich sein Gleichgewicht verloren hat, spürt man, dass sich etwas verändert haben muss und wundert sich.
Um den Kreis zu schließen. Es geht also darum, die Wahrnehmung des Partners so zu Beeinflussen, dass dieser meint auf einer schiefen Ebene zu stehen. Vielleicht kann man das am ehesten mit einer optischen Täuschung vergleichen. Um die Zeit zu ändern begibt man sich mental schon hinter den Partner, damit kann die Fixierung vom Angriff gelöst werden, soweit ich das richtig verstanden habe.
Diese Führungsübungen nahmen einen weiten Raum während der ganzen Woche ein. Verschiedene Aikido-Techniken ergaben sich dann ganz natürlich, nachdem das Gleichgewicht des Partners gebrochen war. Eine Übungseinheit hatte die Verteidigung gegen Angriff mit dem Bokken zum Thema. Eine weitere Einheit Bokken gegen Bokken.
Jetzt noch ein paar Anmerkungen zum Aikidoverständnis von Ikeda-Sensei, wie es sich mir dargestellt hat. Ikeda selbst sieht sich meines Erachtens trotz seiner Klasse immer auch noch als Schüler. Dies zeigt sich in auch einer von ihm gegründeten Seminar-Reihe, den sogenannten Bridge-Seminaren, die er mit anderen rang hohen Aikido-Lehrern anderer Verbände regelmäßig veranstaltet siehe: www.aikidobridge.com.
Zum Abschluss noch ein Zitat vom Lehrgang: „Wenn man anfängt zu lernen ist man wie ein weißes Blatt, das im Laufe der Jahre mit vielen verschiedenen Zeichen und beschriftet wird. Irgendwann ist kein Platz mehr für neues und das Blatt wird schwarz. Dieses Blatt ist euer schwarzer Gürtel. Leert ab und zu das Blatt, damit ihr bereit seit neues aufzunehmen.“
Bernhard Bakan